Donnerstag, 21. Mai 2009

Der Weg ist das Ziel - Eine Anekdote

So etwas entsteht, wenn man jemandem verspricht, eine lange e-Mail zu schreiben und in letzter Zeit nichts besonderes gemacht hat.


Es war einmal eine kurze Email. Die wollte länger werden. Doch leider wusste die kleine nicht, wie sie es anstellen sollte. Also machte sie sich auf, um einen Weg zu finden. Sie packte all ihre Sachen (nicht mehr als ein paar alte Elektronen und sogar mehrere Buchstaben) und zog in die große weite Welt.
Am ersten Tag traf sie einen Baum. Den fragte sie: Hey Baum! Weißt Du, wie ich länger werden kann? Der dicke Ahorn antwortete: Das weiß ich nicht, kleine Email, aber ich weiß, dass Du mir das Leben gerettet hast, weil mich die Menschen deinetwegen nicht zu Papier verarbeiten müssen. Die Email verstand nicht ganz, tat aber so als ob und sog weiter. Auf ihrem Weg dachte sie lange über die Worte des Baumes nach und kam zu dem Entschluss, so einen Menschen zu suchen.
Am zweiten Tag traf die Email eine Wolke. Bist Du ein Mensch?, wollte die Email wissen. Ein Mensch? Haha, die Wolke lachte. Nein, ein Mensch bin ich nicht aber ich kenne sie gut. Was willst Du von ihnen? Email sagte: Vielleicht wissen die Menschen, wie ich größer werden kann. Das kann sein, sagte die Wolke, Menschen wissen viel. Mach Dir aber nicht zu viele Hoffnungen, kleine, dass Du auch einen findest, der sich für Dich interessiert. So kam die Wolke herunter und Email stieg auf. Zusammen flogen sie über Wüsten, Wälder, Flüsse, Meere und Felder. Nach den schönsten zehn Tagen, im Leben der kleinen Email wurde eine Stadt am Horizont sichtbar. Da wohnen die Menschen, sagte die Wolke, ich muss Dich vor der Stadt absetzen um hier zu sterben. Die kleine Email war sehr traurig, als die sah, wie die Wolke erst anfing, langsam zu tropfen um in einer Flut von Regen ein Ende zu finden. Niedergeschlagen trottete die Email in die Stadt. Noch immer regnete es, alles war durchnässt. Sind das Menschen?, fragte sich die Email. Die sehen zwar komisch aus aber ich werde mein Glück versuchen. Hallo, Hallo!! HALLOOOOO! niemand beachtete die kleine Mail. Da erinnerte sie sich an die Worte der Wolke. Sie musste den Richtigen finden.
Einen Monat, nachdem die kleine Email ihre Reise begonnen hatte, setzte sie sich auf eine Parkbank. Niedergeschlagen. Gezeichnet von Wind und Wetter. Da kam eine alte Dame. Ist der Platz neben ihnen noch frei? Ich muss eine kurze Pause einlegen. Email begriff nicht, dass jemand mit ihr redete. Nun? fragte die Dame. Da erkannte die kleine Email ihr Glück. Natürlich, natürlich dürfen sie sich setzen. Würden sie sich mit mir unterhalten? Was für eine Frage. Die alte Dame liebte es, sich zu unterhalten.
-Sind... sind sie ein Mensch?
-Mein Gottchen, Liebes, wo kommst Du denn her? Bin ich etwa die erste, die Dir begegnet?
-In gewisser Weise ja. Keiner sprach bisher ein Wort mit mir. Also?
-Ja, ich bin ein Mensch. Und trotz meines Alters noch gut in Schuss. Und Du? Was bist Du und was treibt Dich hier her?
-Ich, ich bin eine Email
-hm?
-Sozusagen ein elektronischer Brief
-soso
-und ich suche einen Weg, größer zu werden. Wollen sie mal meinen Anfang lesen? Vielleicht fällt ihnen noch etwas ein.
-Liebes, so viele Buchstaben habe ich nicht mehr gesehen, seit ich den Herrn Der Ringe gelesen habe. Hier steht was von einem Baum, von einer Wolke von Wiesen, Feldern, Meeren und Wüsten und noch viel viel mehr als ich in meinem Leben jemals gelernt habe. Und das nennst Du einen Anfang? Ich würde sagen...

Doch sie musste nichts mehr sagen. Die Email hatte es begriffen. Sie war groß geworden.

sENDEn